Warum ist die chinesische Mauer so lang?

Die chinesische Große Mauer setzt sich aus vielen verschiedenen Mauerabschnitten zusammen, sodass man eigentlich von Großen Mauern sprechen müsste. Orientiert man sich an der Übersetzung der Chinesischen Bezeichnung chang cheng é•· 城, wäre die Bezeichnung Lange Mauer oder Mauern noch genauer.

Ungefähr im 5. Jahrhundert v. Chr. – während der Zeit der Streitenden Reiche – begann unabhängig voneinander der Bau erster kleinerer Grenzmauern. Diese wurden an unterschiedlichen Orten gebaut, noch weit entfernt von den heute bekannteren Abschnitten. Die Mauern dienten hauptsächlich zum Schutz vor den jeweils anderen, sich bekriegenden Königreichen. Sie verbanden damals nur grob beispielsweise einzelne Wachtürme und hatten die Funktion, Grenzen zu markieren. Die nördlichen Reiche nutzten Wachtürme und Mauern damals schon zur Verteidigung gegen Überfälle durch nomadische Steppenvölker.

Als in China während der sogenannten Qin Dynastie ab 221 v. Chr. der erste Kaiser (Qin Shi Huangdi ç§¦å§‹çš‡å¸) regierte, wurden besonders im Inland viele alte, nicht mehr notwendige Mauerteile abgerissen. Der Bau größerer Mauerabschnitte und -verbindungen im Norden wurde anschließend genau geplant und umgesetzt. Sehr viel später, zur Zeit der Ming Dynastie (1368-1644), wurden viele zerstörte Teile der Mauern wiederaufgebaut. Auch die heute noch sichtbaren Mauern nördlich von Beijing (Peking) wurde in dieser Zeit fertiggestellt. Diese Mauerteile wurden nicht mehr wie früher aus Lehm und Holz, sondern nun aus langlebigem Stein gebaut, weshalb das Errichten teilweise viele Jahre in Anspruch nahm.

Nimmt man alle diese zu verschiedenen Zeiten gebauten Abschnitte zusammen, ist die Große Mauer mehr als 20.000 Kilometer lang und erstreckt sich über fünfzehn Provinzen Chinas. Die gut erhaltenen Mauerabschnitte sind noch heutzutage begehbar und eine beliebte Touristenattraktion. Die Funktionen der Mauer (Verteidigung und Grenzziehung, aber etwa auch Handel und Austausch) haben sich im Laufe der Zeit geändert. Letztlich hat der stetige Ausbau verschiedener Abschnitte durch unterschiedliche Herrscher zur Verbesserung und Schließung von Lücken aber dafür gesorgt, dass die zusammengenommene Mauer so eindrucksvoll lang und auch heute noch erhalten ist.

Johanna Dreike

Institut für Sinologie und Ostasienkunde

Weiterführende Literatur:

Luo Zewen; Dai Wenbao; Dick Wilson; Jean-Pierre Drège; Hubert Delahaye (1990): Die Große Mauer. Geschichte, Kultur – und Sozialgeschichte Chinas. Augsburg: Weltbild Verlag.

Xu Pingfang (2002): ‘The Archaeology of the Great Wall of the Qin and Han Dynasties’. Leiden: Brill Journals.

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