Warum muss ich zur Schule gehen?

Auf diese Frage findet ihr hier zwei Antworten – einmal aus der Sicht des Sozialwissenschaftlers von Prof. Dr. Felix Manuel Nuss und einmal aus rechtswissenschaftlicher Perspektive von Dr. Isabel Lischewski!

Durch die Pflicht zur Schule zu gehen, haben alle Kinder, egal wo sie herkommen, die Möglichkeit auf Bildung. Das ist wichtig, denn Bildung garantiert, dass ich mich in der Welt orientieren und meinen Platz, der mir gefĂ€llt, finden kann. Bildung ist dabei aber vielmehr als nur das Wissen aus dem Unterricht. Schule ist ein Ort, wo ich mich ausprobieren kann, wo ich Freund_innen treffen kann. Hier kann ich lernen, wie ich Freundschaften pflege, herausfinden, was mich interessiert, was mir gefĂ€llt und guttut oder auch was mir nicht gefĂ€llt und wo auch meine Grenzen liegen. All das ist auch Bildung und sehr wichtig fĂŒr das Leben!
DafĂŒr sind z.B. die Pausen, das freie Spiel oder die AG‘s am Nachmittag da. Angebote außerhalb des Unterrichts beruhen auf Freiwilligkeit und sind ganz bewusst Zeiten, wo Kinder nicht benotet werden. Hier geht es um die StĂ€rken und die Interessen der Kinder. Schulsozialarbeiter_innen und Erzieher_innen arbeiten genau deshalb in Schulen. Ihr Ziel ist es, gemeinsam mit den SchĂŒler_innen die Schule als sozialen Raum der Begegnung zu kreieren. Es geht um eine enge Zusammenarbeit mit den SchĂŒler_innen, darum sie zu motivieren, dass sie die RĂ€ume und die Angebote außerhalb des Unterrichts mitgestalten können.

Prof. Dr. Felix Manuel Nuss

Professor fĂŒr Sozialwissenschaften

Katolische Hoschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung MĂŒnster


Die Gesetze in den deutschen BundeslĂ€ndern schreiben vor, dass fĂŒr Kinder und Jugendliche Schulpflicht gilt. Das heißt, sie mĂŒssen in die Schule gehen, ob sie das wollen oder nicht, und sie mĂŒssen im Unterricht mitmachen, die Hausaufgaben erledigen und die Schulordnung einhalten. Ausnahmen von der Schulpflicht gibt es nur fĂŒr wenige FĂ€lle, zum Beispiel, wenn ein Kind krank ist. Nicht einmal die Eltern dĂŒrfen einfach entscheiden, dass ihr Kind nicht in die Schule soll und sie es zum Beispiel lieber zu Hause unterrichten möchten. DafĂŒr können sie sogar vom Staat bestraft werden.
Durch diese Gesetze schrĂ€nkt der Staat die Freiheiten von SchĂŒler*innen und Eltern also eigentlich ziemlich stark ein. So etwas darf er nach dem Grundgesetz – das ist das wichtigste Gesetz in Deutschland – nur, wenn er damit ein sehr wichtiges und berechtigtes Ziel verfolgt. Warum also darf der Staat vorschreiben, dass alle Kinder in die Schule mĂŒssen?
Dahinter steckt zunÀchst, dass alle Kinder ein Menschenrecht auf Bildung haben. Darauf haben sich die Staaten in internationalen VertrÀgen geeinigt, und das höchste deutsche Gericht, das Bundesverfassungsgericht, hat entschieden, dass so ein Recht in Deutschland auch aus dem Grundgesetz folgt. Kinder sollen durch schulische Bildung Wissen und FÀhigkeiten erlangen und die Welt um sie herum besser verstehen. Das soll ihnen dabei helfen, sich auf das Leben vorzubereiten und ihre Persönlichkeit zu entwickeln.
Allerdings folgt aus so einem Recht auf Schulbildung eigentlich nicht zwingend die Pflicht, zur Schule zu gehen. Schließlich könnten die Kinder Bildung ja auch auf andere Weise erlangen, zum Beispiel, indem sie von ihren Eltern oder Privatlehrer*innen zu Hause unterrichtet werden. Warum also muss die Bildung ausgerechnet in der Schule erfolgen?
Hier spielt zunĂ€chst eine Rolle, dass Kinder in der Schule nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen usw. lernen, sondern auch, wie sie besser mit anderen umgehen. Durch Gruppenarbeiten, Spiele, gemeinsamen Sport und gemeinsame Feste ĂŒben sie, gut zu kommunizieren, zusammen zu arbeiten und Freundschaften zu schließen. Auch das ist wichtig fĂŒr die Persönlichkeitsentwicklung. Wenn Kinder zu Hause unterrichtet werden, haben sie viel weniger Kontakt mit anderen Kindern und lernen diese Dinge nicht so gut. Hinzu kommt, dass in der Schule gleiche Chancen fĂŒr alle Kinder gesichert werden können. Schließlich könnten ohne Schulpflicht reiche Eltern ihren Kindern durch teuren Privatunterricht einen unfairen Vorteil gegenĂŒber armen Kindern sichern. Wenn nur manche Kinder zur Schule gingen, wĂŒrde das zudem zu mehr Trennung in der Gesellschaft fĂŒhren: Wahrscheinlich wĂŒrden reiche Familien, aber auch zum Beispiel solche, die sehr religiös sind, sich von den anderen stĂ€rker absondern.
Dann wĂŒrden die Kinder viel seltener in Kontakt mit Leuten kommen, die andere Überzeugungen haben, anders aussehen oder anders leben. Und das könnte dazu fĂŒhren, dass sie weniger Toleranz fĂŒr andere entwickeln. Das aber wĂ€re sehr schlecht fĂŒr die ganze Gesellschaft.
Außerdem dient die Schulpflicht auch dem Schutz der Kinder. Wenn Eltern ihre Kinder sehr schlecht behandeln, fĂ€llt dies Lehrer*innen oft auf und sie können etwas unternehmen, um den Kindern zu helfen. Dieser Schutz fĂ€llt weg, wenn die Kinder immer zu Hause sind.
Schließlich ist es wichtig fĂŒr alle Kinder, dass sie die Möglichkeit erhalten, ihre eigene Meinung zu entwickeln. Eltern haben das Recht, ihre Kinder so zu erziehen, wie sie es fĂŒr richtig halten, und ihnen ihre eigenen religiösen und politischen Überzeugungen zu vermitteln. Wenn die Kinder aber nie etwas anderes mitbekommen und vielleicht gar nicht wissen, dass es auch andere Ansichten gibt, können sie sich gar nicht frei fĂŒr oder gegen eine Meinung entscheiden. Deshalb sollen Kinder in der Schule auch solche Weltbilder kennen lernen können, die ihre Eltern sogar stark ablehnen.
Die Schulpflicht ist also gerechtfertigt, weil sie allen Kindern die gleichen Chancen darauf gibt, zu lernen, sicher aufzuwachsen und andere Sichtweisen kennen zu lernen.

Dr. Isabel Lischewski

Rechtswissenschaftliche FakultÀt

UniversitĂ€t MĂŒnster

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