Was sind Vorteile von der Nutzung von Tiktok und was sind Nachteile? (Nils)

Ein kurzer Videoclip erscheint im Feed und fordert zur Teilnahme auf. Genau darin liegt ein Teil der Faszination von TikTok: Inhalte werden nicht nur angesehen, sondern laden zur unmittelbaren Nachahmung ein. Besonders deutlich wird dies bei Challenges. Sie können prosoziale Dynamiken entfalten, wenn gemeinsame Aktionen Aufmerksamkeit für gesellschaftliche oder gesundheitliche Themen schaffen. Sie können aber auch riskant sein, beispielsweise gefährlich (Maui-Wowie-Challenge, Hot-Chip-Challange) oder gesundheitsgefährdend (Paracetamol-Challenge). TikTok zeigt damit nicht nur Inhalte, sondern schafft Situationen, in denen zum Mitmachen motiviert wird. Diese Einflussnahme ist auch deshalb bedeutsam, weil TikTok laut seinen Nutzungsbedingungen erst ab 13 Jahren genutzt werden darf, gleichzeitig aber bereits deutlich jüngere Kinder die Plattform intensiv nutzen. So zeigt die KIM-Studie, dass in Deutschland 27 Prozent der 6- bis 13-Jährigen TikTok sogar als Lieblingsapp benennen. Zwischen formaler Altersgrenze und tatsächlicher Nutzungspraxis besteht damit eine deutliche Abweichung.

Die Attraktivität der Plattform lässt sich wissenschaftlich vor allem in drei Aspekte einteilen. Erstens kann TikTok Räume für Selbstausdruck eröffnen, etwa über eigene Videos, Musik, Humor oder Storytelling. Zweitens kann die Plattform soziale Teilhabe fördern, weil Trends, Kommentare und gemeinsame Interessen Zugehörigkeit und Gemeinschaftsgefühl stärken können. Drittens wird TikTok zunehmend als Ort informellen Lernens beschrieben. Erklärvideos, Peer-to-Peer-Wissensaustausch und kurze Bildungsinhalte können Motivation fördern und einen ersten Zugang zu Themen eröffnen, etwa zu Erster Hilfe, Allergien, Sexual Health, Ernährung oder Fitness. Gerade diese Niedrigschwelligkeit erhöht jedoch auch die Bindungskraft der Plattform. Endloses Scrollen, mit Künstlicher Intelligenz personalisierte Feeds und ständige Anschlusskommunikation tragen dazu bei, dass aus Beteiligung schnell dauerhafte Bindung werden kann. Studien verweisen darauf, dass eine intensive, unreflektierte und problematische beziehungsweise suchtartige TikTok- / Social-Media-Nutzung mit Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, Angst, depressiven Symptomen, eingeschränkter Lernleistung und geringerem Wohlbefinden in Verbindung stehen kann. Der deutsche Gefährdungsatlas verdeutlicht, dass sich solche Wirkungen über alle sozialen Medien hinweg zeigen: Plattformen sind darauf angelegt, Aufmerksamkeit zu binden, eigene Sichtbarkeit zu erzeugen und persönliche oder gesellschaftliche Konflikte bzw. Stimmungen rasch zu verstärken. Besonders relevant ist dies für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, da in dieser Lebensphase Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwahrnehmung eine hohe Bedeutung haben. TikTok ist eine stark visuelle Plattform, auf der Sichtbarkeit, Rückmeldungen und Vergleichsprozesse dauerhaft präsent sind. Studien zeigen, dass darunter insbesondere Körperbild und Selbstwert leiden können und psychische Belastungen zunehmen, etwa durch soziale Vergleiche, abwertende Kommentare oder Orientierungen an überspitzten Schönheitsidealen.

Über die Forschung zu TikTok hinaus verweisen aktuelle Studien auf weitere problematische Entwicklungen, zu denen bisher nur einzelne Erkenntnisse vorliegen. Dazu zählen gefährliche Challenges, Cybergrooming, Gewalt- und Schockinhalte, Desinformation sowie Deepfakes und andere Formen der Bild- und Videomanipulation unter Einsatz von KI. Hinzu kommen Fragen der Datensichtbarkeit, der Datenverarbeitung und der Privatsphäre: Was teile ich hier gerade alles über mich – und wer kann das später sehen? Warum will ich dieses Video wirklich posten – wegen mir oder wegen Likes und Kommentaren? Scroll ich noch aus Spaß – oder bleibe ich nur dran, weil ich nichts verpassen will? Vor diesem Hintergrund erscheint die gesellschaftlich zunehmende Forderung nach einem konsequent umgesetzten Mindestalter sinnvoll. Neben Schutz, auch durch klare altersbezogene Begrenzungen, braucht es jedoch Prävention: reflektierte Bildschirmzeit, Quellenkritik, Sensibilisierung für Meldewege sowie Gespräche über Druck, Sichtbarkeit, Grenzen und Privatheit. Dafür benötigen Jugendliche Orientierungswissen. Zugleich brauchen Eltern und Lehrkräfte Wissen und Handlungssicherheit, um Jugendliche angemessen zu begleiten und Kinder frühzeitig auf digitale Plattformwelten vorzubereiten. Langfristig reicht es deshalb nicht aus, nur problematische Inhalte nach der Veröffentlichung zu regulieren und zu entfernen. Notwendig ist eine Förderung digitaler Kompetenz, die die Funktionsweise und Wirkung algorithmisch strukturierter Plattformen verstehbar macht. Grundlagen dafür sollten bereits ab der Grundschule systematisch angebahnt werden, etwa auch über das Lernen mit Lernrobotern, die algorithmisches Wirken unmittelbar erfahrbar machen können.

Dr. Raphael Fehrmann,

Institut für Erziehungswissenschaft


Weitere Informationen für Eltern und Lehrkräfte:

Leopoldina, Akademie der Wissenschaften: Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern

Material Klicksafe

Material MedienFokusBW

Video zum Thema: Fehrmann, R. (2026). Tasteless Content, fear of missing out, Cybermobbing mit KI – Wir müssen unsere Kinder schützen! (YouTube, Login mit Altersverifikation nötig)

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