Wieso besteht in Deutschland eine PrÀsenzpflicht in den Schulen?

Aus Sicht des Kommunalrechtswissenschaftlers:

Wir merken in der Corona-Krise an allen Ecken und Enden, dass Bildung mehr ist als die Bereitstellung von Informationen. Eine „digitale Schule“ vergrĂ¶ĂŸert im Ergebnis in vielen FĂ€llen Bildungsungerechtigkeit. Das geht schon an Ă€ußeren Dingen los: Wer in einer schönen Wohnung mit stabilem Netz und neuen EndgerĂ€ten sitzt (und wer vor allem bildungsaffine Eltern hat), der hat es leichter als andere. Nur ist es auch eine Scheinlösung, dann einfach mehr Tablets zu verteilen. Denn Bildung, Erziehung, gutes Lernen, braucht noch viel mehr: Den Austausch, die Begegnung, den Vergleich – den Augenaufschlag, die „Reaktion im Raum“, wenn der Lehrer es schlecht erklĂ€rt hat, die UnterstĂŒtzung fĂŒr Schwache, aber auch den Beitrag der Starken. Kinder mĂŒssen eben auch das „Lernen lernen“ – der Bildschirm setzt aber voraus, dass der Nutzer weiß, was er tut.

Wegen all dieser GrĂŒnde (und noch vieler mehr) haben die BundeslĂ€nder, die in Deutschland fĂŒr die Schulen verantwortlich sind, die PrĂ€senzpflicht ganz nach oben auf ihre to-do-Liste gesetzt. Wichtig ist: Das Verbot von echtem, dauerhaften Homeschooling ist in der Tat sehr deutsch – fast alle anderen LĂ€nder sind da großzĂŒgiger. Aber es ist im internationalen Vergleich auch eine deutsche Besonderheit, dass wir unser Schulsystem so bauen, dass jedes Kind an jeder Schule einen gleichwertigen Abschluss machen kann – man muss kein Schulgeld zahlen, um an einer guten Privatschule zu lernen. Schulpflicht und Bildungsgerechtigkeit sind – so gesehen – zwei Seiten der gleichen Medaille.

Prof. Dr. Hinnerk Wissmann

Kommunalwissenschaftliches Institut

Und aus Sicht der Lehrerbildung:

Regelungen zum Thema Schule trifft das jeweilige Bundesland. In NRW wird GrundsĂ€tzliches zur Schule im Schulgesetz geregelt. Dort gibt es Regelungen zur Schulpflicht und zur Anwesenheitspflicht in der Schule. Gerade in der aktuellen Situation wird deutlich, dass die Schule mehr ist als ein Ort ausschließlich fĂŒr das Lernen. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler aber auch Eltern sowie Lehrpersonen machen derzeit immer stĂ€rker deutlich, dass neben den Lehr- und Lerninhalten die sozialen Beziehungen in Schule von besonderer Bedeutung ist.

Dr. Martin Jungwirth

Zentrum fĂŒr Lehrerbildung

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