Warum sagt man Entschuldigung, wenn man einer Person Bescheid sagen möchte, wenn sie zum Beispiel etwas verloren hat?

Aus dem Alltag
 Entschuldigungen, das verlorene Portemonnaie und die Frage nach dem Weg

Jemand vor uns auf der Straße verliert ihr Portemonnaie. Im nĂ€chsten Augenblick kommt jemand anderes, hebt das Portemonnaie auf und wendet sich mit dem Ausdruck „Entschuldigung?“ an die Person, um es ihr zurĂŒckzugeben. Dies ist nicht der einzige Zusammenhang, in dem eine solche Entschuldigung vorkommt. Entschuldigungen bilden zum Beispiel ebenfalls oftmals den Auftakt, wenn sich Personen bei unbekannten Passanten nach dem Weg erkundigen („Entschuldigen Sie, ich suche den Friedenssaal.“). Auch in anderen LĂ€ndern dieser Welt lassen sich Entschuldigungen in vergleichbaren Situationen beobachten: im englischsprachigen Raum hört man etwa „Excuse me?“, in Frankreich „Excusez moi?“ und in Italien „Scusi?“. Warum ist das so? Schauen wir uns zunĂ€chst nĂ€her an, was in solchen Situationen eigentlich passiert.

Die Mittel, um mit Personen Kontakt aufzunehmen

Wenn wir mit jemandem Kontakt aufnehmen möchten, mĂŒssen wir uns versichern, ob wir die Aufmerksamkeit der entsprechenden Person besitzen. In der GesprĂ€chsanalyse bezeichnet man das als Fokussierungsaufforderung. Mittel fĂŒr Fokussierungsaufforderungen sind etwa ein Klopfen an der TĂŒr, ein Tippen auf die Schulter, ein Winken, ein RĂ€uspern, die direkte Anrede mit Namen (Brigitte? Herr Vogt?) oder eben etwa Höflichkeitsphrasen (Entschuldigung? Verzeihen Sie bitte?). Solche Mittel machen erwartbar, dass sich die Person, an die sie gerichtet sind, sich etwa zu uns umdreht und uns anschaut, ein kurzes „ja?“, „einen Moment bitte
“ Ă€ußert – kurz: uns ihre Aufmerksamkeit schenkt. Jetzt haben wir – wie man in der GesprĂ€chsanalyse sagt – den „Fahrschein“. Das heißt, wir können und dĂŒrfen mit unserem Anliegen fortfahren.

Warum entschuldigen wir uns fĂŒr Kontaktaufnahmen?

Entschuldigungen dienen dann als Mittel der Kontaktaufnahme, wenn einander unbekannte Personen im öffentlichen Raum Kontakt aufnehmen. Ob das Überreichen des verlorenen Portemonnaies oder die Frage nach dem Weg – hier ĂŒberbrĂŒckt eine kurze Entschuldigung die Distanz zwischen Unbekannten, indem es, wie es der Soziologe Erving Goffman mal ausgedrĂŒckt hat, eine ‚kleine geteilte Welt der gegenseitigen Zuwendung‘ entstehen lĂ€sst – wenn auch nur fĂŒr einen kurzen Augenblick, sei es fĂŒr die Übergabe des Portemonnaies oder die Beschreibung des Weges zum Friedenssaal.

Pepe Droste

Germanistisches Institut

Lesetipps fĂŒr Neugierige

Auer, Peter (2020): Anfang und Ende fokussierter Interaktion. In: Birkner, Karin; Auer, Peter; Bauer, Angelika; & Kotthoff, Helga (Hg.). EinfĂŒhrung in die Konversationsanalyse, S. 32–105. Berlin/Boston: De Gruyter.

De Stefani, Elwys & Mondada, Lorenza (2018). Encounters in Public Space: How Acquainted Versus Unacquainted Persons Establish Social and Spatial Arrangements. Research on Language and Social Interaction 51(3): S. 248–270.

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